Medien / Pädagogik

Kinder- und Jugendfilmanalyse

Tobias Kurwinkel

Philipp Schmerheim

Lesen Sie das Autoreninterview zu der UTB-Neuerscheinung "Kinder- und Jugendfilmanalyse" und erfahren Sie, was einen erfolgreichen Kinderfilm ausmacht. Die Fragen stellte Heike Schmidt von UTB.

Tobias Kurwinkel, Philipp Schmerheim: Kinder- und Jugendfilmanalyse

Welcher Kinder- oder Jugendfilm ist Ihr Lieblingsfilm? Warum? Was macht einen guten, erfolgreichen Kinderfilm aus?

TK: Ronja Räubertochter – einer der schönsten Kinderfilme überhaupt. In seinem mittelalterlichen Setting vereint die Adaption von Astrid Lindgrens Roman nicht nur Motive und Themen wie Freundschaft, erste Liebe, Loslösung vom Elternhaus und Naturverbundenheit, sondern funktioniert als zeitloses Märchen, das sowohl Kinder als auch Erwachsene anspricht: Dürften Kinder sich vor allem mit Ronja und Birk identifizieren, werden sich Erwachsene von den Problemen der Eltern der beiden Hauptfiguren angesprochen fühlen.

PS: Auch für mich gehört Ronja Räubertochter zu den Favoriten. Ein anderer Film, zu dem ich seit meiner Kindheit immer wieder zurückkehre, ist die Filmadaption des Romans Das Letzte Einhorn aus dem Jahr 1982. Dieser Zeichentrickfilm ist eine zeitlose Märchengeschichte um ein Einhorn, das sich auf die gefahrenvolle Suche nach seinen verschollenen Artgenossen macht. Um in das Schloss zu gelangen, in dem die Einhörner gefangen werden, verwandelt ein Zauberlehrling das Einhorn in eine schöne junge Frau, woraufhin sich der Sohn des Schlossherrn prompt in ebenselbe verliebt. Das Einhorn ist fortan hin und her gerissen zwischen seiner ihm wesensfremden menschlichen Hülle und der Zuneigung zum Sohn des Schlossherrn. Neben den wirklich wunderbaren Zeichnungen besticht der Film auch durch den Soundtrack der Rockgruppe „America“ – ein schönes Beispiel dafür, wie wichtig Musik im Kinderfilm ist. Nicht umsonst sind die Titellieder von Kinderfilmen und -serien wie Pippi Langstrumpf, Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer oder Das Dschungelbuch mindestens genauso bekannt wie die filmischen Erzählungen selbst.

TK: Grundsätzlich sollten gute Kinder- und Jugendfilme nicht nur die Lebenswelten ihrer Zielgruppe einbeziehen, sondern auch die Rezeptionsgewohnheiten und Wahrnehmungspräferenzen von Kindern bzw. Jugendlichen ansprechen. Es reicht nicht aus, einfach Filme zu drehen, in denen zufällig Kinder die Hauptfiguren sind – Filmemacher müssen sich auf die Lebenswelten ihres kindlichen bzw. jugendlichen Publikums einlassen können und ihnen auf Augenhöhe begegnen. In unserem Buch argumentieren wir, dass sich Kinder, aber auch Jugendliche insbesondere von dem angesprochen fühlen, was wir Auralität nennen: Filmische Ausdrucksmittel, die sich über Musik, Geräusche, rhythmische Strukturen oder Bewegung direkt oder indirekt an den Gehörsinn von Kindern oder Jugendlichen richten.

Ist der Puppenfilm tot und komplett durch Animationsfilme ersetzt?

TK: Nein. Auch hier gilt die grundsätzliche medientheoretische Einsicht, dass neue Medienformate ihre Vorgänger eher ergänzen anstatt verdrängen. Derzeit geht der Trend natürlich deutlich in Richtung digitales, computergeneriertes Animationskino – man schaue nur auf die derzeitige Filmlandschaft mit Ich – Einfach Unverbesserlich 2, Die Schlümpfe 2, Planes, Der Gestiefelte Kater oder Wall.E. Nichtsdestotrotz haben z. B. Filme wie Corpse Bride, Nightmare Before Christmas oder die beliebten Wallace & Gromit-Filme zur Jahrtausendwende zu einem Wiederaufleben der sogenannten Stop-Motion-Technik geführt, bei der Bild für Bild Knetfiguren oder andere Puppenfiguren in Handarbeit vor der Kamera inszeniert werden. Auch handgezeichnete Zeichentrickfilme werden wieder öfter produziert. Ein ähnliches Revival könnte auch der klassische Puppenfilm erfahren, mit dem die heutigen Erwachsenen aufgewachsen sind. So wurden die beliebten Marionetten-Serien der Augsburger Puppenkiste (Jim Knopf, Urmel aus dem Eis) erst jüngst zu Pfingsten wieder im Kinderkanal ausgestrahlt!

Wo steht der deutsche Kinder- und Jugendfilm im internationalen Vergleich?

PS: Im hiesigen Kino dominieren natürlich weiterhin Hollywood-Importe wie die Pixar-/Disney- oder DreamWorks-Filme (Ich – Einfach Unverbesserlich 2 blockiert derzeit die Spitzenposition der Kinocharts). Aber der deutsche Kinder- und Jugendfilm hat spätestens seit der Deutschen Wiedervereinigung eine stetige Aufwertung erfahren, was sicherlich auch ein Erbe des DDR-Kinos ist, das einen deutlichen Schwerpunkt im Kinderfilm hatte. Filmschaffende wie Hermine Huntgeburth (Tom Sawyer, Die Abenteuer des Huck Finn), Vivian Naefe (Die wilden Hühner) oder Christian Ditter (Vorstadtkrokodile) produzieren Filme, die sich auch an internationalen Maßstäben messen lassen. Stellvertretend für das wachsende internationale Ansehen des deutschen Kinder- und Jugendfilms stehen die Auszeichnungen für Filme wie Die Blindgänger, Lauras Stern oder Bibi Blockberg und das Geheimnis der blauen Eulen bei internationalen Kinderfilmfestivals. Leider haben es gerade die schönsten oder ungewöhnliche Kinderfilme aufgrund ihres eher unbekannten Stoffs an den Kinokassen schwer.

TK: In der Kinderfilmszene wird beklagt, dass aus ökonomischen Gründen weiterhin nur selten originäre Kinderfilme den Weg auf die Kinoleinwand finden – d. h. Filme, die nicht auf bereits populäre Buchvorlagen wie Harry Potter, Hanni und Nanni, Tom Sawyer oder Twilight zurückgreifen, sondern eigenständige Stoffe direkt für das Kino entwickeln. Damit einher geht auch der Trend zum sogenannten Family Entertainment Film – Filme, die zugleich Kinder, Jugendliche und Erwachsene als Rezipienten ansprechen, um über alle Altersgruppen hinweg bestmöglich ausgewertet werden zu können. Die Paradebeispiele für solche Filme kommen wiederum aus den Filmstudios von Pixar und DreamWorks – Findet Nemo, Shrek, Wall.E, Oben, Merida, Toy Story, Cars, etc.

PS: Institutionen wie der Förderverein Deutscher Kinderfilm e.V. oder die Akademie für Kindermedien e.V. bemühen sich deshalb zunehmend darum, die Entwicklung originärer Stoffe für den Kinderfilm zu fördern. Die Inititiativen sind durchaus von Erfolg gekrönt: So beruht der 2012 erfolgreiche Kinderfilm Pommes Essen auf einem Originaldrehbuch der Regisseurin Franziska von Traben und Rüdiger Bertram.

Sind im Kino erfolgreiche Filme immer auch bei ihrer Ausstrahlung im TV erfolgreich?

TK: In der Regel ja. Die deutsche Kinofilmproduktion wird ja überwiegend von den Öffentlich-Rechtlichen Fernsehsendern und ihren angegliederten Stiftungen und Fördergesellschaften, in einigen Fällen auch von den Privatsendern, ko-finanziert. Deshalb sind diese Filme immer auch prinzipiell fernsehkompatibel.

PS: Die Fernsehauswertung hat natürlich verschiedene Vorteile: Die Filme können gezielt auf Sendeplätzen ausgestrahlt werden, die ihrer Zielgruppe besonders entgegen kommt, sie können wiederholt ausgestrahlt werden, auch können gerade Spielfilme, die sich an Vorschul- oder Grundschulkinder richten, auf mehrere Folgen aufgeteilt werden, um den Sehgewohnheiten der Kinder entgegen zu kommen. Dies ist übrigens bereits bei den seit den 60er Jahren in Deutschland immens populären Lindgren-Adaptionen der Fall. Auch das als Spielfilm produzierte Ronja Räubertochter wurde für Teile der Fernsehauswertung in eine Miniserie umgeschnitten.

TK: Fernsehauswertungen kommen Kindern auch deshalb entgegen, weil der Kinobesuch ein großes Loch in das Taschengeldbudget reißt oder ausdauernde Überzeugungsarbeit bei den Eltern erfordert. Trotzdem: Das Fernsehen kann das Gemeinschaftserlebnis des Kinobesuchs nicht ersetzen. Deshalb ist es auch schade, dass immer weniger Kinder bzw. Jugendliche in die Kinos gehen und sich die Filme lieber im Fernsehen, auf DVD oder im Internet anschauen.

Heutige Filme weisen nach meinem Eindruck eine wesentlich schnellere Bildfolge auf, als z. B. in meiner eigenen Kindheit. Ist das der heutigen Kinder- und Jugendgeneration angemessen oder überfordert sie das?

TK: Ihr Eindruck ist prinzipiell richtig: Seit der Geburt des Kinos hat die Schnittfrequenz gerade bei Kinofilmen stetig zugenommen; Studien belegen, dass Kinder heutzutage immer früher die verschiedene Stufen der Medienkompetenz erreichen. Allerdings muss man hier unterscheiden: Es bleibt weiterhin dabei, dass gerade Kinder im Vorschul- und Grundschulalter gewisse physiologische und wahrnehmungspsychologische Grenzen haben. Sie können noch nicht alle filmischen Ausdrucksmittel angemessen verstehen. Wie wir in unserem Band ausführen, belegen Studien z. B., dass Grundschulkinder noch Schwierigkeiten haben, komplexere Montageformen wie Ransprünge im Filmraum oder Umschnitte zu verstehen. Jugendliche hingegen, die in einer von audiovisuellen Medien dominierten Kultur heranwachsen, können, verglichen mit früher, bereits in jüngerem Alter schnelle Schnittfrequenzen, komplexe Erzählformen etc. kognitiv nachvollziehen. Wir bezweifeln aber, ob sie dadurch bereits in der Lage sind, diese beschleunigte Filmästhetik angemessen zu reflektieren und zu verstehen. Es besteht ein grundlegender Unterschied zwischen dem bloßen Konsum von Medieninhalten und einem reflektierenden, verstehenden Umgang mit diesen.

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