Der Klügere liest rot.

Johannes

Interviews mit Studenten: Studiertier fragt

Unser Studiertier Saskia ist 23 Jahre alt und studiert Buchwissenschaft und Philosophie. Bei utb absolviert sie ein dreimonatiges Praktikum im Marketing. Als von Natur aus neugieriges Wesen ist sie stets an spannenden Studiengängen und dem Studentenleben anderer interessiert.

„Studiertier fragt” ist eine Aktion von Studenten für Studenten. Die Fragen, die das Studiertier stellt, stammen nicht nur von ihr selbst, sondern auch von Freunden und Kommilitonen. Damit die Interviews immer interessant und abwechslungsreich sind – und es auch in Zukunft bleiben.

Wenn du Fragen an Saskia hast oder selber vom Studiertier ausgequetscht werden möchtest, schreibe einfach eine Mail an volontariat(at)utb.de

Studiertier trifft Johannes

Johannes ist 26 Jahre alt und studiert Evangelische Theologie an der Karl-Ruprecht Universität in Heidelberg. Studiertier hat ihn sich geschnappt und fragt…

1. Gitarrenmusik, Jesuslatschen und immer ein Gebet auf den Lippen - diese Gedanken kommen dem eine oder anderen beim Stichwort Theologie in den Sinn. Worum geht es beim Studium wirklich?

Erst einmal lässt sich festhalten, dass das Studium der Evangelischen Theologie sich aus insgesamt sechs Fächern zusammensetzt:

AT | NT: Die beiden exegetischen Fächer des Alten bzw. Neuen Testaments setzen sich mit den beiden großen Buchsammlungen der Bibel auseinander. D.h. wie sind die mitunter über 2000 Jahre alten Texte in ihrem Entstehungskontext zu verstehen und wie verhalten sich diese Texte bspw. zu anderen Texten ihrer Zeit und Umwelt. Das führt zu spannenden Überlegungen, wie zum Beispiel der Feststellung, dass Jesus in erster Linie Jude war und dementsprechend seine Lehre zunächst im Kontext des antiken Judentums zu verstehen ist. Zugleich sind aber nicht wenige Texte des Neuen Testaments in einer römisch-hellenistischen Mehrheitsgesellschaft geschrieben worden, sodass bereits hier deutlich wird, dass die Texte an verschiedene Traditionen und Motive anknüpfen können. Als StudentInnen sollen wir lernen, diese zu erkennen und unsere eignen Schlüsse daraus zu ziehen. So soll der „garstige Graben“ zwischen damals und heute überwundern werden. Ähnliches gilt für das Alte Testament, wenngleich es dabei komplizierter ist.

Kirchengeschichte: Diese betrachtet die Geschichte des Christentums und seiner inhaltlichen Entwicklung betrachtet. Der Schwerpunkt an den deutschen Fakultäten liegt dabei auf der europäischen bzw. deutschen Geschichte. Es bleibt daher das Manko, dass das Christentum mittlerweile mehrheitlich außereuropäisch ist und sich wesentlich vielfältiger darstellt, wobei die geschichtlichen Entwicklungen dorthin ausgespart werden.

Systematische Theologie: Hier geht es um die Entfaltung der Theologie und gegenwartsbezogene Reflexion. Dabei wird in Dogmatik und Ethik unterschieden. Die theologischen Themen werden in ihrer Geschichte gelehrt, aber auch die Ausformulierungen der Themen untereinander in Diskussion gebracht. In meinem Studium lag ein Schwerpunkt auf der Christologie, d.h. die Lehre Jesus Christus und damit verbunden Fragen; wie wird an ihn geglaubt und wie wird sein Wirken heute verstanden. Innerhalb der Ethik werden Fragen der Lebensweise auf Grundlage des christlichen Glaubens reflektiert. Entscheidend ist jeweils der Bezug auf die Gegenwart.

Praktische Theologie: Diese nimmt Bezug auf die Praxis. Dabei wird zum Beispiel die Kirche ganz empirisch erfasst: Wer geht heutzutage noch in die Kirche und warum? Welche Personenkreise werden angesprochen und welche bleiben außen vor? Aber auch das Pfarramt und seine Kernaufgaben (Predigt, Seelsorge, Schuldienst) ist Teil der Praktischen Theologie; sowohl die theoretische Anleitung (Wie predige ich? Wie lässt sich Unterricht gestalten?), als auch die Reflexion darüber (Wo finden sich Anknüpfungspunkte zwischen christlicher Verkündigung und menschlicher Lebenssituation?). Die tatsächlich praktische Ausbildung erfolgt erst nach dem Studium in der kirchlichen Ausbildung im sogenannten Lehrvikariat.

Religionswissenschaft: Das letzte Fach ist noch relativ jung und etabliert sich allmählich erst als Teil der Evangelischen Theologie. Sehr grob gesagt geht es hierbei um die aktuelle und – falls möglich – historische Betrachtung von „Religionen“ (die Definition von Religion ist allerdings seit 30 Jahren umstritten). Das Teilfach der kulturellen Theologie zieht v.a. den Vergleich einzelner Theologien miteinander. Spannenderweise ist das Studium der Theologie in der Tiefe durch weitere Disziplinen gekennzeichnet. So braucht es zum Studium der exegetischen Fächer auch die Kenntnis der Sprachen, in welchen die Texte geschrieben wurden (Hebräisch, Griechisch) und in der Kirchengeschichte ist für eine Quellenarbeit die Kenntnis von Latein notwendig. Die systematisch-theologischen Überlegungen sind immer an ein bestimmtes Verständnis der Welt und ihrer Erkenntnis gebunden, sodass hier philosophisches Wissen und Anwenden notwendig wird. Gerade für die Praktische Theologie, aber auch die Religionswissenschaften ist methodisches Wissen, wie statistisch-empirische Zugänge elementar. Es ist also offensichtlich, dass das Studium der Theologie überaus vielfältig ist und es einiges zu lernen und zu entdecken gibt. Da ist eine Regelstudienzeit von 5 Jahren aufwärts nicht sonderlich überraschend.

2. Und wie geht man nun mit Vorurteilen wie Jesuslatschen & Co. um?

Ehrlich gesagt, fällt mir nur eine einzige Person ein, auf die die obige Beschreibung in Ansätzen passen könnte. Ein eindeutiges Erkennungsmerkmal eines Theologen in Heidelberg ist angeblich das Tragen eines Rucksacks. Aber es stimmt natürlich, dass man als StudentIn der Theologie – zumindest gefühlt – häufiger in einen Rechtfertigungszwang kommt, in dem man die Studienwahl begründen muss. Hier sehe ich häufig persönliche Distanz zur Kirche oder eine gewisse Abwehrhaltung als Grund der Fragenden. Ein klassisches Beispiel ist die Frage an Kommilitoninnen, ob sie denn evangelische oder katholische Theologie auf Pfarramt studieren. Das löst zunächst ein gewisses Entsetzen aus, denn die Zahl römisch-katholischer Pfarrerinnen liegt bei null. Allerdings erleben wir in Deutschland, dass die konfessionellen Grenzen der Kirchen von einer Vielzahl der Gemeindemitglieder kaum noch wahrgenommen werden und selbst von Theologen nur schwer verstehbar und vermittelbar sind. Letztlich zeigt sich in den Vorurteilen und den Missverständnissen nichts anderes als eine gewisse Erwartungshaltung. Klischees über das Pfarramt bzw. die Kirche gehören zum Allgemeinwissen. Außerdem ist der Bezug zur Kirche vor allem durch den persönlichen Kontakt zur Pfarrperson bestimmt. Somit übertragen sich diese persönlichen Berührungspunkte auf die Studentinnen. Auch TheologiestudentInnen werden demnach als Repräsentanten der Kirche und des Christentums angesehen und sind damit den Vorstellungen der Gesellschaft ausgesetzt. Da sich auch spätere pastorale Arbeit primär über diesen persönlichen Kontakt einstellt, sollte man mit diesen Vorurteilen konstruktiv und erklärend umgehen; wie es ein bekannter Pfarrer so schön sagte „mit einem weiten Herzen“. Dass man im Kreise von Theologinnen darüber stöhnt und sich mitunter auch lustig macht, ist klar – auch wir sind zuallererst Menschen :-)

3. Theologie ist eines der ältesten wissenschaftlichen Fächer, welche an Universitäten gelehrt wird. Kann man da überhaupt noch etwas „Neues“ erforschen?

Es gibt immer etwas Neues zu entdecken, die Frage ist nur wie man das Neue versteht. Gerade in Bezug auf die biblischen Texte ergeben sich immer wieder neue Erkenntnisse durch den Einbezug anderer Wissenschaften, die das biblische Bild und die bisherige Forschung in einem völlig neuen Licht erscheinen lassen. Dazu gehören im Falle des Alten Testaments archäologische, ägyptologische oder assyrisch-babylonische Forschungsergebnisse, die die Geschichte Israels neu einordnen. So gibt es deutliche Indizien, dass das Nordreich Israel, welches im Alten Testament konsequent negativ beurteilt wird und teilweise nur eine Randnotiz darstellt, die eigentliche wirtschaftlich und politisch potentere Macht darstellt. Diese historische Betrachtung hat natürlich Konsequenzen. Denn die Texte des Alten Testaments sind demnach eine perspektivisch-tendenziöse Geschichtsdarstellung des Südreiches Juda. Zudem verweise ich auf den philosophischen Aspekt der Systematischen Theologie. Das Verständnis der Welt wird immer wieder neu reflektiert. Aber auch der Einbezug von Naturwissenschaften und damit verbundene Erkenntnistheorie wirkt sich produktiv auf die Neuformulierung christlichen Glaubens in der Gegenwart aus. Gerade hier wird deutlich, dass Theologie stets Neues produziert und produzieren muss, denn die Erfahrung der Gotteswirklichkeit ist kein Gegenstand historischer Forschung, sondern aktuell.

4. Vor ein paar Jahren warst du Teilnehmer am Theologischen Studienjahr in Jerusalem. Wie hat dich das Studium und Leben im „Heiligen Land“ geprägt?

Hat sich deine Sicht auf Geschichten und Theorien verändert, nachdem du am Ort des Geschehens warst? Selbstverständlich wird man in den unterschiedlichsten Dimensionen von einem solchen Erlebnis an einem solchen Ort geprägt. Ich denke am eindrücklichsten war die Begegnung mit dem Katholizismus, da es sich um ein ökumenisches Studienprogramm handelt, welches zudem an eine deutschsprachige Benediktinerabtei angeschlossen ist. Der Austausch theologischen Denkens und geistlichen Lebens war dort in intensiver Form möglich. Das war in meiner Mainzer Studentenzeit, obwohl dort beide Fakultäten sich die Räumlichkeiten teilen, kaum möglich. Ich gebe gern zu, dass ich dort etwas katholisiert wurde, insbesondere in Bezug auf die Ästhetik des Glaubens, die sich im Gottesdienst durch gregorianischen Gesang, Weihrauch, liturgische Abläufe etc. ausdrückt. Daneben war es natürlich eine bereichernde Erfahrung als Christ offensichtlich in der Minderheit zu sein, da Jerusalem nun mal deutlich jüdisch und muslimisch geprägt ist. Dies relativiert den Blick auf die Welt, da wir in Deutschland trotz Verlust des Kirchenbezugs eine sichtbare christliche Mehrheitsgesellschaft darstellen. Mein persönliches theologisches Denken wurde v.a. durch das Land weitergebildet. Nicht umsonst wird das Heilige Land als fünftes Evangelium bezeichnet. Durch die wöchentlichen Exkursionen zu Ausgrabungsstätten in Israel und Palästina, werden biblische Geschichten sehr anschaulich. Aber auch das Leben in Jerusalem selbst prägt die theologische Vorstellungskraft ungemein. Immerhin wohnten wir fast schon in der Altstadt, d.h. in unmittelbarer Nähe zur Klagemauer und dem Felsendom, der zentrale Heilige Ort des Judentums und des Islams, und gleichsam der Grabeskirche. Ob nun alle weiteren christlichen Gedenkkirchen und Orte den historischen Tatsachen entsprechen (für den Kreuzweg/via dolorossa kann dies sicherlich ausgeschlossen werden), mag man für sich selbst entscheiden. Aber die Begegnung mit einer Ortsfrömmigkeit, die der evangelischen Tradition völlig fremd ist, ändert einen auch diesbezüglich. Einer meiner liebsten Orte war die Kirche der Nationen am Fuße des Ölbergs, wohin Getsemani lokalisiert wird und Jesu verzweifeltes Gebet kurz vor seiner Verhaftung. Besonders der ästhetische Kirchenbau machen diese Episode in Jesu Leben nachspürbar. Wie auch das Wissen, dass man nur über den Ölberg laufen müsse und man wäre raus aus Jerusalem, raus auf dem Einflussgebiet, in der Wüste und der Verantwortung entzogen, aber nein – Jesus blieb am Fuße des Ölbergs und nahm die Passion als seinen Weg ans Kreuz an. Hier wird Theologie topographisch deutlich und bedeutsam.

Johannes´ Buchtipp

Kirchengeschichtliches Repetitorium

Derzeit bereite ich mich auf das Examen vor und arbeite intensiv mit dem Kirchengeschichtlichen Repetitorium von W. Sommer | D. Klahr. Darin wird v.a. das Faktenwissen gut eingeübt und eine sinnvolle Auswahl an relevanten Informationen getroffen. Dies ist für ein tieferes Verständnis zwar ergänzungsbedürftig, aber hier helfen die Literaturhinweise weiter. Eine zusätzliche Hilfestellung sind die beigefügten Lernkarten/-fragen auf CD-ROM, mit denen das erlernte Wissen gut repetiert werden kann.

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