Der Klügere liest rot.

Simone

Interviews mit Studenten: Studiertier fragt

Unser Studiertier Daniela ist 23 Jahre alt und studiert Medienwissenschaft und BWL an der Universität Tübingen. Bei utb absolviert Daniela ihr 3-monatiges Verlagspraktikum im Bereich Marketing.

„Studiertier fragt“ ist also eine Aktion von Studenten für Studenten. Die Fragen, die Daniela stellt, stammen nicht nur von ihr selbst, sondern auch von Freunden und Kommilitonen. Damit die Interviews immer interessant und abwechslungsreich sind – und es auch in Zukunft bleiben. 

Wenn du Fragen an Daniela hast oder selber vom Studiertier ausgequetscht werden möchtest, schreibe einfach eine Mail an volontariat(at)utb.de

Studiertier trifft Simone

Simone Ines Lackerbauer ist 30 Jahre alt und Doktorandin der Soziologie am Lehrstuhl für Soziologie (Prof. Dr. Keller) der Universität Augsburg. Außerdem ist sie Teilnehmerin am Promotionsprogramm „Sozialwissenschaften“ an der Graduiertenschule für Geistes- und Sozialwissenschaften (GGS) der Universität Augsburg. Studiertier hat sie sich geschnappt und fragt…

1. Du machst deinen Doktor gerade im Bereich der Soziologie, der Wissenschaft, die sich mit dem sozialen Verhalten befasst – sind wir dann nicht alle Versuchsobjekte für dich? Um was geht es in der Soziologie denn konkret?

Ich würde sagen, dass wir alle generell für einander Versuchsobjekte sind. Denn soziales Verhalten entsteht auf ganz vielen Ebenen im Miteinander. Wir als Menschen (nicht als Soziologen) versuchen ja ständig, unsere eigene Position in Relation zu anderen Menschen, Organisationen… zu setzen. Wir treffen Entscheidungen, die uns und unsere Umwelt verändern. Und die Prozesse, die dabei ablaufen, kann man aus soziologischen Perspektiven betrachten. Das heißt: Was führt dazu, dass bestimmte Dinge (nicht) passieren, was passiert (nicht) auf welche Weise, welche Konsequenzen hat das (nicht). Es geht zum Beispiel um einzelne Handlungen, aber auch um Prozesse und übergeordnete Strukturen.

Die Soziologie hilft, soziales Handeln zu deuten, zu verstehen und zu erklären. Im Gegensatz zu Fächern wie Pädagogik, Psychologie, Politik gibt die Soziologie aber z.B. keine Handlungsanweisen oder Prognosen. Aber so genannte Spezielle Soziologien beschäftigen sich intensiver mit einzelnen Teilbereichen der Welt – z.B. Arbeitssoziologie, Wissenssoziologie, Umweltsoziologie. Und für jede soziologische Fragestellung wählt man aus unterschiedlichen Forschungsperspektiven und Methoden.

2. Ursprünglich hast du dein Bachelor-Studium aber im Bereich Medien und Kommunikation begonnen. Wie kam es zu dem Richtungswechsel in die Soziologie? Oder haben die Fächer doch mehr gemeinsam als man zuerst denkt?

In meinem „MuK“-Bachelor konnte ich auch soziologische Seminare belegen, da er interdisziplinär ausgelegt war. Damals hat mich Soziologie ehrlich gesagt aber noch gar nicht interessiert; meine Bachelorarbeit schrieb ich auch in Medienpädagogik. Ich kann natürlich nicht für alle MuK-Studiengänge sprechen, aber ich vermute, dass die meisten so ausgelegt sind, dass unterschiedliche Perspektiven auf den „Gegenstand“ Medien, bzw. auf Kommunikationsvorgänge angeboten werden; und dazu gehört auch der soziologische Blickwinkel. Insofern besteht durchaus eine Verbindung zwischen MuK und Soziologie.

Mein Interesse an der Soziologie kam aber eigentlich erst mit dem Master in Paris. Ich hatte mehrere Seminare, die soziologische Perspektiven konkret in die Betrachtung von Medien, Information und Kommunikation mit einbezogen haben. Auch meine Dozenten tragen letztendlich die Schuld an meinem Richtungswechsel, weil sie die Inhalte so lebensnah und anschaulich vermittelt haben. Meine beiden Masterarbeiten in Paris habe ich dann aus einer medien- bzw. kultursoziologischen Perspektive geschrieben. Dabei hat sich ein Thema aus dem anderen ergeben und am Ende habe ich festgestellt: Da ist ein Themenstrang, den ich gerne noch weiter erforschen würde. Ich habe mir das Thema dann aus verschiedenen Richtungen angesehen und bin zu der Erkenntnis gekommen, dass es sich soziologisch am sinnvollsten bearbeiten lässt. Damit war der Richtungswechsel sozusagen vollzogen. Ein kleines Manko daran ist, dass ich mir viel aneignen muss, das ich in einem Soziologiestudium in Deutschland mitbekommen hätte. Der Vorteil als Quereinsteiger ist jedoch, dass man zusätzliche Erfahrungen und Wissen aus anderen Studienfächern mitbringt und daraus schöpfen kann.

3. Deinen Master hast du komplett in Paris gemacht. Was hat es dir gebracht im Ausland zu studieren? Und würdest du jedem dazu raten?

Ich bin als so genannter „Free Mover“ nach Paris gegangen; das heißt, dass ich an keinem Austauschprogramm teilgenommen habe, sondern mich wie ein „normaler“ Student an der Uni in Paris direkt beworben habe. Für das erste Jahr hatte ich ein Graduiertenstipendium vom DAAD, so dass ich finanziell gut zurecht kam, im zweiten Jahr habe ich neben dem Studium noch gearbeitet.

Ein Auslandsstudium generell – und als Free Mover im Speziellen – würde ich wirklich uneingeschränkt jedem empfehlen. Eigentlich braucht man dafür nur eine große Portion Mut und den Willen, hart zu arbeiten und sich gut zu organisieren. Ich bin durch den ganzen Prozess in vielen Bereichen über mich hinausgewachsen und habe sehr viel gelernt

4. Du nimmst in Augsburg an der Graduiertenschule für Geistes- und Sozialwissenschaften teil. Für alle die nicht an der Uni Augsburg sind: was ist das genau? Gibt es an jeder Uni so ein Programm?

Normalerweise unterscheidet man zwischen Doktoranden, die auch am Lehrstuhl arbeiten und zwischen externen Doktoranden, die sich ihre Brötchen anderswo verdienen – zu denen gehöre ich auch. Die GGS ist eine Art Rahmenprogramm für alle Doktoranden, um Struktur in das eigene Promotionsvorhaben reinzubringen. Man nimmt an Kolloquien an der Uni teil, an speziellen Fachtagungen, an Seminaren zu Didaktik und Soft Skills; auch eigene Lehraufträge gehören zum Programm und Berichte über den Fortschritt der eigenen Doktorarbeit. Die GGS dient auch dazu, im akademischen Bereich zu netzwerken und Kontakte für die Zeit nach dem Doktor zu knüpfen – wenn man eine akademische Karriere anstrebt. Ein bisschen ähnelt die GGS den Ph.D.-Programmen an US-amerikanischen Unis, aber der Arbeitsaufwand ist nicht so hoch. Ich fühle mich dort sehr gut aufgehoben, weil ich auch als externe Doktorandin eben Anknüpfungspunkte an den Uni-Alltag habe. So ein Programm hat meines Wissens nach nicht jede Uni – leider.

5. Ein Doktortitel in den Sozialwissenschaften – warum strebst du diesen an und welche beruflichen Möglichkeiten eröffnen sich für dich? Willst du später lieber an einer Uni bleiben oder in der freien Wirtschaft arbeiten?

Ich habe während des Masters und während meiner Zeit in Festanstellung gemerkt, dass mir die wissenschaftliche Arbeit weitaus mehr Spaß macht als die Arbeit in der freien Wirtschaft. Ich habe beide Seiten kennengelernt. Sich Wissen anzueignen, es auf Fragestellungen anzuwenden, die mich wirklich interessieren, es weiterzugeben und im Austausch wieder neue Anregungen zu erhalten – nur dafür kann ich mich aber wirklich begeistern, das ist für mich sinnstiftend und sinnhaft. Der Doktortitel ist die Voraussetzung – oder die „Eintrittskarte“ dafür, in diesem Bereich überhaupt arbeiten zu können. Gleichzeitig fasziniert mich, dass ich hier noch ganz am Anfang stehe und es noch so viel zu lernen gibt; da kann wirklich kein Job in der freien Wirtschaft mithalten.

Simones Buchtipp

Einführung in die Soziologie

Es ist nicht ganz einfach, sich hier für ein Buch zu entscheiden. Primär kommt es darauf an, in welcher Phase eines Studiums man sich befindet. Als mir klar wurde, dass ich mein Thema am sinnvollsten aus einer soziologischen Perspektive beleuchten kann, habe ich mich erst einmal wieder mit den Grundlagen der Soziologie aus deutscher Sicht vertraut machen müssen. Dabei hat mir „Einführung in die Soziologie“ von Oliver Dimbath sehr geholfen, weil es klar strukturiert ist, einen guten Ausgangspunkt zum Einstieg mit vielen (!) Verweisen auf weiterführende Literatur bietet und dabei auch noch spannend ist.

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